Schneckenhandel Indelhausen

(Indelhausen – Bildnis einer Lautertalgemeinde. Bearbeitet von A. Bischoff-Luithlen und herausgegeben von der Ortsverwaltung Indelhausen 1974, wörtl. Zitat S.66, 67 u. 70.)

Nach allen Mitteilungen, derer wir teilhaftig werden konnten, scheint Indelhausen der Ort gewesen zu sein, im dem früher am meisten Schneckenhandel getrieben wurde von allen Orten im Lautertal und auf der Alb. Obwohl die örtlichen Archivalien auch hier nicht viel hergeben, so findet sich doch in allgemeinen Werken über Schneckenzucht Indelhausen so oft erwähnt, daß man annehmen muß, es habe sich ein Großteil der Bevölkerung hierdurch einen Nebenerwerb verschafft. Nicht nur ärmere Leute sind „in die Schnecken“ gegangen oder haben Schneckengärten gehabt. Auch Schultheiß Häbe wird 1880 noch offiziell Schneckenhändler genannt; dies ist kein Übername wie „Schneckabaste“ für den Pfarrer Sebastian Birkenmaier, der sich im Interesse seiner Pfarrkinder um die Schneckenzucht besonders annahm und Schnecken auch selbst gern aß.

Worum handelt es sich? Der an sich gängige Name „Schneckenzucht“ ist insofern nicht ganz zutreffend, als es in Indelhausen und auch sonstwo kaum Leute gegeben hat, die die Schnecken vor der Fortpflanzung einsammelten oder diese im Sinne des Züchtens irgendwie steuerten. Man ging zum Schneckenlesen erst dann, wenn die Eiablage erfolgt war, also nach dem 25. Juli „Jakobe“. Dann wurden sie in sog. „Schneckengärten eingeworfen, dort gehalten und gefüttert, bis sie sich eindeckelten und somit versandfähig waren. Dann wurden sie gewaschen, in Fäßchen, „Lägele“ gefüllt und weiterverkauft. Der Versand ging über Ulm die Donau hinab bis nach Wien, wo die schneckengefüllten „Ulmer Schachteln“ schon ein gewohntes Bild boten so gut wie der Schneckenmarkt und die dortigen Schneckenweiber, die zumeist Originale gewesen sein müssen. Der Absatzmarkt Württembergs waren katholische Nachbarländer wie Bayern Österreich, Italien, Schweiz, Elsaß, wo die Schnecken eine beliebte Fastenspeise darstellten. Indessen muß in Württemberg das Schneckenessen zur Fastenzeit nicht ganz so allgemein üblich gewesen sein, manche Leute mochten auch nicht so recht dran und ekelten sich vor dieser Speise. In früherer Zeit waren es besonders die Klöster, die große Schneckenliebhaber und daher auch Abnehmer gewesen sind; mancher Bruder Küchenmeister kannte exquisite Rezepte. Die Albschnecke, Helix pomatia oder Helix aspersa muß von besonderer Güte gewesen sein, besondere Leckerbissen muß das einstige Hardt beherbergt haben. Man sagt von der Schnecke, sie sei umso aromatischer im Fleisch, je besser die Kräuter seien, die sie fresse; es mag sein, daß die Steppenheiden mit ihren Rosmarin- und Quendelpflanzen besondere Prachtexemplare hervorbrachten. Übrigens sammelten die Indelhauser vielfach außerhalb ihrer Markung, sie kamen bis nach Pfullingen, Reutlingen, Urach, Stetten am kalten Markt. 1910 bekamen sie noch 5-7 Mark pro Tausend; die Preisangaben wechselten aber stark.

Gesammelt wurde mehr von Kindern und ärmeren Leuten; die Besitzer von Schneckengärten standen schon auf einer höheren sozialen Stufe. Manchmal war auch beides vereint, manchmal stahlen auch die Lausbuben den Besitzern ihre Schnecken und verkauften sie wieder an dieselben. Gefüttert wurden die Schnecken mit Krautblättern, Gemüseabfällen, Rübenschnitzen, Brennesseln, wilden Kräutern und Endiviensalat, der in manchen Gegenden extra für die Schnecken in Großem angebaut wurde. Der „Garten“ bestand meist aus einem Rechteck eines womöglich schattigen Garten- oder Weidenplatzes, das mit Brettern eingezäunt war. Die obere Begrenzung dieses Zaunes mußte etwas überstehen, damit die Schnecken nicht herauskriechen konnten. Diese Grenze wurde auch noch mit abweisender Flüssigkeit wie Carbolineum o.ä. bestrichen. Innerhalb des Gärtchens war oft noch ein erhöhtes Brett angebracht, worauf der Züchter gehen und die Tiere füttern konnte, ohne auf sie zu treten. Einfacher war ein Rechteck, das lediglich mit einem Graben umgeben war, der mit Kleie gefüllt war oder mit Asche; dieses Streumittel mußte aber nach jedem Regenwetter ergänzt werden. Zum Eindeckeln gegen den Herbst bekam der Garten dann eine Mooseinlage, wo die Schnecken sich verkriechen konnten; aus diesem Moos wurden sie dann mit dem Mooshäckle herausgesucht und verpackt.

Bronzestatue eines Schneckenhändlers
Das Moos- oder Schneckenhäckle, mit welchem die Schnecken aus Laub- und dünnen Erdschichten zutage gefördert wurden

Der Transport konnte nur im Winter stattfinden und womöglich während wirklicher Kälte. Kam ein Wärmeeinbruch und schien überraschend die Sonne auf die Lägel, so konnte es sein, daß die Schnecken aufwachten und mit großer Kraft die Fäßchen sprengten.
Das Schneckensammeln war einstens eine Art von Jagdservitut, es gehörte in den meisten Fällen der Herrschaft. Dies zeigt eine Indelhauser Ordnung von 1726. Damals gab es einen Schneckenkrieg zwischen der Bevölkerung und der Herrschaft, der folgendermaßen geschlichtet wurde:
…“daß jedes Jahr das Schneckenklauben von der Herrschaft in dem Frühling, da sie in der Brut sein, bis 8 Tag vor Jakobi solche zu klauben verboten, von solcher Zeit an aber jedermänniglich solche zu klauben erlaubt sein, von der Straf aber dem Anzeiger ein Drittel nebst den Schnecken zukommen solle“ (Auch eine der vielen Verordnungen, die den Anzeiger belohnt und damit das Beobachten des Mitmenschen leidigerweise so gefördert hat!) Weiter unten heißt es:
…“daß jedem Bürger von Indelhausen, insbesondere den Gemeindern, unverwehrt sein solle, einen Schneckengarten auf seinen Gütern aufzurichten, doch solle er dafür der Herrschaft jährlich einen Gulden geben oder für einen Gulden Schnecken. Reist einer zum Verkauf der Schnecken an entlegene Orte, soll er vorher um Erlaubnis anhalten.“ Waren die Schnecken ausgegraben und wurden sie zum Versand fertig gemacht, wurden sie, wir sagten es schon, vorher gewaschen und getrocknet. Zum Trocknen wurden den Indelhausern auf dem Rathaus gelegentlich Kammern zur Verfügung gestellt. Die Notiz von 1851 besagt: „In dem hiesigen Rathaus wurde zum Schnöcken abtrocknen an Theresia Spindler zwei Kammern auf 10 Tage abgetreten und eine an Schultheiß Häbe. Theresia Spindler zahlt 24 Kreuzer, Schultheiß Häbe 12 Kreuzer“.

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